Donauabwärts
Moselblut
Die Abiturprüfung  Mein Leben als Stein

























DIE
ABITURPRÜFUNG


Wie ein Mensch seine Haustür aufschließt, sagt viel über ihn aus. Der Gedanke kam Jonas Schmitz, als er selbst davor stand. Seine Hand glitt lässig und wie von allein in die Jackentasche und fasste nach dem Schlüsselbund. Zwei Finger ertasteten den richtigen, gelenkt von einem knappen Blick steckte er ihn ins Schloss.  

Die Nachbarn im Treppenhaus glaubten selbstverständlich noch den nervösen jungen Hund zu grüßen, der er bis letzte Woche gewesen war. So die attraktive Rechtsanwältin im Parterre, deren Blick unter den hochgezogenen Brauen zu sagen schien: »Toll, dass du immer noch deine Miete zahlen kannst, Kleiner. Ich finde dich nämlich ganz süß.«  

Als er den zweiten Stock erreichte – hier befand sich Jonas Schmitz' Zweizimmerwohnung -, öffnete sich Belinda Banders Wohnungstür. Im rosablauen Morgenmantel lächelte sie ihn an und fragte: »Heute?« 
»Mhm«, machte Jonas Schmitz pausbäckig grinsend. Belinda war die einzige im Haus, die er nicht nur auf der Treppe sah. Seit ihrem siebzigsten Geburtstag – Belindas Verwandte waren nicht erschienen, und statt ihnen durfte Jonas von der Torte kosten – tranken sie ab und an eine Tasse Kaffee zusammen. Belinda wusste Bescheid.  

»Darf ich zusehen?«
»Klar.«  

Sekunden später klebte ein ovales Schildchen an seiner Wohnungstür. Auf blauem Grund stand in rote Schrift: Dr. Jonas Schmitz.  
Belinda Bander klatschte in die Hände. »Meine herzlichsten Glückwünsche! Und endlich weiß man mal, wer bei Ihnen zu Hause ist.«  

Jonas Schmitz ging ein paar Schritte rückwärts, immer mit Blick auf seinen Namen, um die Wirkung aus der Ferne, zu beurteilen. »Sieht es nicht toll aus? Entschuldigen Sie, dass ich so eitel bin, aber Jahre habe ich mich auf diesen Augenblick gefreut.“   
Belinda Bander tätschelte ihrem Nachbarn verständnisvoll den Arm. Sie nahm seine Einladung an, die frisch erworbene Doktorwürde am Abend mit einem Gläschen Sekt zu feiern.  

Jonas Schmitz schloss die Tür vorsichtig wie den Deckel einer Schmuckschatulle. Die alte Umgebung wirkte ganz verändert und für einen Augenblick fühlte er sich wie gelähmt. Mit einem Lächeln holte er sich in die wunderbare Realität zurück, stieß die Faust in die Luft und durchschritt die penibel aufgeräumten Zimmer seiner Junggesellenwohnung: vom Flur in die Küche, rechts herum ins Wohnzimmer, dann ins Schlafzimmer, wo er das in der Mitte des Zimmers platzierte Bett umkreiste. Zum ersten Mal bereitete es ihm Genuss, an seine Vergangenheit zu denken. An die verhasste Schulzeit mit den nächtlichen Alpträumen, die Flucht aus dem Elternhaus, einsame Studienjahre in einer fremden Stadt, geprägt von Stress und Versagensängsten. Noch nie war sein Leben so sorgenfrei wie jetzt. Den Dozentenposten  hatte er in der Tasche und die Arbeit, die auf ihn zukam, bereitete ihm kein Kopfzerbrechen. Wenigstens ein Mensch nahm Anteil an seinem  Glück. Jonas spürte ein inniges Gefühl für seine Nachbarin und entschied, noch einmal hinauszugehen und Pralinen für Belinda Bander zu besorgen.

Als er mit einer Geschenkpackung Sahnetrüffel ins Haus zurückkehrte, bemerkte er ein blaues Kuvert im Briefkasten. Es sah nach etwas Besonderem aus, passte also hervorragend zum heutigen Tag. Jonas Schmitz spürte leicht geriffeltes Seidenpapier zwischen den Fingern, als er den Umschlag aus dem Briefschlitz zog. Nun war er sicher, dass es sich um ein Glückwunschschreiben handelte. Aufgeregt stürmte er, zwei, drei Stufen auf einmal überspringend, die Treppe hinauf. Welcher liebe Mensch kam auf die Idee, ihm zu gratulieren?
Eigentlich gab es nur eine Möglichkeit. Seine Eltern! Vielleicht hatten sie bei der Uni seinen großen Tag erfragt, um ihn mit dem Brief zu überraschen. Sollte es stimmen, wollte Jonas ihre jahrelange Ignoranz milder beurteilen. Er öffnete den Brief mit dem Küchenmesser, und sein Gesicht bekam von ganz allein den rührigen Ausdruck, den es oft bei Familienbesuchen oder auch nur Telefonaten mit zu Hause zeigte. Doch dann legte sich seine Stirn in Falten. Über dem Briefpapier  traten seine Augen verblüfft aus ihren Höhlen und weiteten sich sogleich vor Entsetzen. Obwohl er seit einem halben Jahr nicht mehr rauchte, tastete er instinktiv seine Taschen nach einer Zigarettenpackung ab. Jonas Schmitz setzte sich auf den Küchenstuhl und las das Schreiben ein zweites Mal.  

Sehr geehrter Herr Schmitz! Leider fielen mir erst jetzt Beweise in die Hände, die eindeutig darauf schließen lassen, dass im Zusammenhang mit ihrer Abiturprüfung vor zehn Jahren Betrug im Spiel war. Obwohl ich längst pensioniert bin, kann ich die Angelegenheit keinesfalls auf sich beruhen lassen. Doch ich will auch nicht ohne weiteres Ihr Leben zerstören. Deshalb bitte ich Sie an diesem Dienstag um achtzehn Uhr zu mir nach Hause, um die Prüfungen in meinen Fächern zu wiederholen. Sollten Sie nicht erscheinen, muss ich leider die Schulbehörde über Ihren Fall in Kenntnis setzen.
 
Mit freundlichem Gruß,
Ihr alter Biologie- und Mathematiklehrer Leopold Brettinger  

»Unmöglich«, flüsterte Jonas Schmitz. Dieser Brief kam vom Mond. Oder vom Mars. Er hatte nichts zu tun mit dieser Welt, noch weniger mit dem Leben, das er heute führte.  

Zwanzig nach fünf Uhr zeigte seine Armbanduhr. Gleich stand Belinda Bander vor der Tür, um den Doktortitel zu feiern. Und dieser Brief wollte ihn in den Sumpf ziehen, dem er mühevoll entkommen war. Ein blöder, gemeiner Scherz, dachte er. Ein böser Traum, der einfach nicht wahr sein konnte! Doch seine Hände hinterließen feuchte Flecken auf dem Papier, und sein Herz raste. Dienstag war heute. Brettinger wusste über alles Bescheid.  

Damals, bei den Prüfungen in Mathe und Biologie, hatte Jonas Schmitz bitter versagt. Für den Notendurchschnitt seines Abiturs eine Katastrophe – die Chance, einen Studienplatz zu bekommen, war gleich null. Doch Schmitz wollte sich nicht wegen zwei alberner Prüfungen seine Zukunft ruinieren lassen. Wenige Tage vor der Zeugnisvergabe brach er nachts in das Büro des Schuldirektors ein. Bei dem stapelten sich die ausgefertigten Dokumente – es fehlten lediglich der Schulstempel und seine Unterschrift. Jonas Schmitz schrieb sein eigenes Zeugnis auf amtlichem Papier neu, mischte es unter die anderen und ließ das echte verschwinden. Die Sache blieb unentdeckt. Bis heute.  

Die Türglocke schepperte fröhlich. Jonas Schmitz griff nach seiner Jacke, riss die Tür auf und sah die Feiertagsstimmung auf Belinda Banders Gesicht dem Erschrecken weichen. »Es tut mir leid, aber ... « Schmitz war schon auf halber Treppe, als ihm eine Ausrede einfiel. »Ein Freund von mir. Unfall. lch muss ins Krankenhaus.«

Leopold Brettinger bewohnte ein Häuschen an der Stadtgrenze – es war in zwanzig Minuten mit der U-Bahn zu erreichen. Während Schmitz scheinbar interessiert die Umgebung von seinem Fensterplatz aus beobachtete, kämpften in seinem Kopf die erlösenden mit den niederschmetternden Gedanken. War ein Zeugnis nach so langer Zeit überhaupt noch anfechtbar? Vielleicht wollte Brettinger ihm nur einen Schrecken einjagen. Aber, O Gott, Einbruch und Urkundenfälschung waren keine Kavaliersdelikte. Vielleicht trug er bald statt seines Doktortitels die Kluft eines Untersuchungshäftlings.  

Als er die Gartenpforte zu Brettingers Häuschen öffnete, fühlte er sich wie auf dem Weg zum Schafott. Er druckte einmal auf den Klingelknopf und sah durch die Butzenscheiben prompt die Dielenlampe aufleuchten. Brettinger schien ihn gespannt zu erwarten. Jonas Schmitz atmete tief durch, als sich die Tür öffnete. Brettinger hatte sich in all den Jahren kaum verändert. Seine mächtige Figur steckte in einem dunklen Zweireiher mit Schlips. Sein volles Gesicht mit dem kurzgeschorenen Vollbart trug den üblichen respekteinflößenden und listigen Ausdruck.

»Kommen Sie herein, junger Mann!«, donnerte seine Stimme. »Wie früher im Unterricht sind Sie auch heute fünf Minuten zu spät.«

Schmitz folgte dem ehemaligen Lehrer ins spießig eingerichtete Wohnzimmer und ließ sich ungebeten in einen Sessel gleiten. »Tja, mein Lieber«, hob Brettinger an. »Sie haben sich damals ein dolles Ding geleistet. Wussten Sie denn nicht, dass ein Brettinger über kurz oder lang jeden Braten riecht? Aber ich gebe jedem seine Chance, einen Fehler wiedergutzumachen. Also, unten im Partykeller finden Sie Prüfungsaufgaben und einen Stapel weißes Papier. Sie bekommen für die Lösung genügend Zeit.«

Brettinger zeigte jenes spöttische Grinsen, für das Jonas Schmitz ihn bereits auf der Schulbank gehasst hatte. Mit genau dieser Miene hatte er ihn unzählige Male vor der Klasse lächerlich gemacht, ihn an der Tafel vor unlösbaren Aufgaben leiden lassen und niederschmetternde Urteile gefällt. Jahrelang war Schmitz der festen Überzeugung gewesen, die schrecklichen Zeiten gehörten für immer der Vergangenheit an. Nun sollte er in Brettingers Keller gehen und ein weiteres Mal vor seinen Fragen verzweifeln. »Nun aber los, mein Freund. Wir haben nicht bis morgen Zeit.«  Der ironische Tonfall zeigte Jonas Schmitz deutlich, wie wenig Brettinger ihm zutraute.  

Der alte Lehrer ging voran in Richtung Kellertreppe. Jonas Schmitz spürte plötzlich keinen eigenen Willen mehr und folgte ihm wie ein braver, gelehriger Schüler. Als er am Kamin vorbeikam, streifte seine Hand einen eisernen Schürhaken, der aufrecht in einem Behältnis stand. Jonas Schmitz packte den schweren Stab fest am Griff, hieb ihn blitzschnell durch die Luft und traf Brettinger hart am Kopf.

Der alte Mann brach zusammen. Als Schmitz sich über ihn beugte, war kein Puls mehr zu spüren. Was geschehen war, war geschehen und ließ sich nicht wieder gutmachen. Jonas Schmitz sprang auf. Nein, er empfand keine Reue wegen dem alten Pauker, er wollte nur seine Haut retten. Der Keller! Die für ihn ausgestellten Prüfungsfragen mussten verschwinden.

Schmitz raste durch die Diele, fand die Kellertür und stieg in der Dunkelheit die Treppe hinunter. Als er unten das Licht einschaltete, gab es einen ohrenbetäubenden Knall – und dann lautstarkes Gejohle. Jonas Schmitz bekam ein Sektglas in die Hand gedrückt, er wurde geküsst, umarmt und getätschelt. Die Schar fröhlicher junger Leute, die ihn umringten, waren seine alten Schulkameraden.

»Da staunst du, was?«, sagte Rüdiger, der ehemalige Kurssprecher. »Wir gratulieren dir herzlich zum Doktor! Dein Erfolg, dachten wir, ist endlich mal ein guter Grund für ein Wiedersehen. Warum guckst du denn so böse?«
»Ich, ich ... «
»Du nimmst uns den kleinen Scherz mit der Abiturprüfung doch nicht übel? Bist du etwa darauf hereingefallen? Herr Brettinger war sofort bereit mitzuspielen, obwohl er die Sache ziemlich albern fand. Wo bleibt er überhaupt?«
»Ich weiß nicht«, antwortete Jonas Schmitz mit schwacher Stimme. »Ich glaube, er kommt nicht mehr.«




Mein Leben als Stein


Das Feuerzeug in meiner Hand wird schnell heiß. Ich lasse es deshalb immer nur für ein paar Sekunden brennen. Trotzdem ist die Flamme deutlich kleiner geworden. Bald gibt es hier unten nur noch Dunkelheit, mein Atmen und meine Gedanken. Ich habe Zeit, über meine Fehler nachzudenken, will aber nicht überheblich sein und sagen: Alles hätte ganz anders ablaufen können. 

Ich stelle mir vor, wie in diesem Augenblick die Brandung an der Steilküste tost und wie darüber die Möwen kreischen. Ich bin oft an der Steilküste spazierengegangen. Am Wochenende  zusammen mit Marita und  auch während vieler Mittagspausen. Vom Hotel, wo ich arbeitete, waren es bis dorthin nur ein paar Minuten zu Fuß. Ich behaupte aber nicht, dass sich mein Unterbewusstsein von der Gegend magisch angezogen fühlte. Die Meeresbrisen schenkten mir neue Energie und der Ausblick war herrlich. Zwei ganz banale Gründe, aus denen auch die Touristen von nah und fern just an diesen Ort kommen.

Als ich IHN zum ersten Mal am Rande des Abhangs sah, spürte ich sofort seine Macht und handelte automatisch. Ich hob ihn auf, drehte und wendete ihn, erkannte aber nur einen normalen, graubraunen Stein mit grünen Äderchen. Mit meiner Hand konnte ich ihn halb umgreifen; seine Form war oval und recht glatt. Ich nahm ihn mit ins Büro und beförderte ihn am Abend in meiner Aktentasche nach Hause. Marita holte einen überbackenen Seehecht aus dem Ofen, wir tranken Muscadet dazu und schwatzten über die Tagesereignisse. Die ganze Zeit hoffte ich, dass sie sich bald mit einem Buch zurückziehen würde oder ein Telefonat führen müsste, damit ich endlich mit meinem Stein allein sein konnte. Ausgerechnet an diesem Tag hing Marita an meinem Lippen und stellte mir Fragen, die sie sonst kaum interessierten. Vielleicht ahnte sie intuitiv die Gefahr. Und damals hätte sie auch um meinetwillen alles getan, um die folgenden Ereignisse zu verhindern. Schließlich ergriff ich die Initiative. Mit der Begründung, ich wolle im Keller noch mal nach den feuchten Stellen sehen, die kürzlich übermalt wurden, löste ich die Tafel auf. Natürlich trug ich meine Aktentasche in der Hand, als ich die Treppe hinabstieg.   Die Schönheit meines Steins weiß ich jetzt erst richtig zu schätzen. 

Im Licht des Feuerzeugs schimmern die Kristalle wie kleine Diamanten. Die grüne Maserung erscheint wie ein Flussgebiet im Dschungel. Bislang betrachtete ich seine Oberfläche nur flüchtig. Schließlich kommt seine Kraft von innen. Seit jenem ersten Abend zog ich mich in jeder freien Minute mit ihm zurück und wurde von meinen Erlebnissen überwältigt. Ich wuchs buchstäblich über mich heraus, als ich erfuhr, dass nicht läppische 38 Jahre, sondern mehrere Jahrhunderte hinter mir liegen. An esoterische Vorstellungen wie Wiedergeburt habe ich nie geglaubt. Es ist auch nach wie vor so, dass für mich weniger die Phantasie, als eindeutige Erfahrungen zählen. Der Stein ist die Geschichte und ich bin die Erinnerung.  

Wenn ich meinen Stein mit beiden Händen umfasste und konzentriert auf ihn blickte, spürte ich augenblicklich eine reiche Welt aus längst vergangenen Menschen, Landschaften und Gebäuden in meinem Kopf. Die Assoziationen führten mich auf ein braches Stück Land, auf dem Landarbeiter schufteten und einander unverständliche Worte zuriefen. Ich wurde gepackt und auf einen Karren geworfen, abtransportiert und bis vor die Tore einer Stadt gebracht. Die Menschen trugen Gewänder, die ich eine halbe Ewigkeit später als Museumsbesucher staunend betrachten sollte. Doch als Stein war ich bald Teil der mächtigen Stadtmauer. Weil Marita keine Ahnung von meinen Erlebnissen hatte, verwirrten sie meine Gemütszustände sehr. Auch wenn der Fernseher lief oder Verwandte uns besuchten, konnte ich mich schwer von den  Geschehnissen der Vergangenheit trennen. Mal waren sie komisch, mal tragisch, sie handelten von Menschen, die zu ihrer Zeit große Macht oder kaum ein Stück Brot besaßen. Marita wollte wissen, woran ich denke - warum ich böse, versonnen oder sonstwie guckte. "Weil ich ein Stein bin", sagte ich einmal. Sie schüttelte voller Überdruss den Kopf.   

Nur wenn uns Maritas Vater besuchte, riss ich mich zusammen und konzentrierte mich auf das Gespräch. Marita bewunderte ihn. Im Vergleich mit ihm erschien ich ihr sicher recht durchschnittlich. Oft kritisierte sie meine Entscheidungen mit den Worten: "Vati hätte das anders gemacht". Sie besprach auch viele Dinge, die eigentlich nur uns angingen, lieber mit ihm als mit mir. Am schlimmsten traf mich aber der spöttische Blick, den sie mir oft zuwarf, wenn ich in seiner Gegenwart das Wort ergriff. Ich liebte Marita sehr. Aber dass sie ihren Vater mehr schätzte als mich, war eine Schmach. Im Übrigen beeindruckte ihr Vater mich nicht. Er war durch Immobilienspekulationen reich geworden und lebte jetzt von vielen diffusen Einnahmen. Ein Glücksritter. Ich gebe zu, dass sein Vermögen mich interessierte. Im Hotel hatte ich es bis zum stellvertretenden Direktor gebracht, aber ich wollte kein lebenslanger Angestellter sein. Wenn ich einige Millionen besäße, wüsste ich Großartiges mit ihnen anzufangen. Doch ich besaß sie nicht.  

Zum Glück bewies mir meine Vorgeschichte, wie schnell sich die Zeiten ändern können. Einige Jahrzehnte saß ich in der Stadtmauer fest, weil sie dem Ansturm feindlicher Heerscharen trotzte. Dann barst sie unter wuchtigen Geschossen  auseinander und ich sah die Behausungen der Menschen, die ich schützen sollte, niederbrennen. Wohl wegen meiner gleichmäßigen Form griffen auch die siegreichen Krieger nach mir. Auf einem Pferdegespann fuhr ich inmitten eines Steinhaufens quer durchs Land, und wurde schließlich selbst als Wurfgeschoß eingesetzt. Ich nahm Teil an der Eroberung einer Metropole, in deren Mitte ein gigantischer Königspalast stand. Nachdem die Kriegsschäden beseitigt waren, verbrachte ich allerdings  lange Zeit auf einem großen Trümmerberg. Im Keller richtete ich die alte Kohlenkammer als Verlies für meinen Stein her. Da ich ihn zwar meist, aber nicht immer bei mir tragen konnte, benötigte er ein sicheres Versteck. In die Tür baute ich heimlich ein Schnappschloss ein, für das nur ich einen Schlüssel besaß.  

Meine ruhmreiche Vergangenheit bestärkte mich in meinen beruflichen Ambitionen. Ich erzählte einigen Investoren von meinen Plänen: An der Küste gab es eine mehrere Kilometer lange, unbebaute Strandzone. Sie gehörte Maritas Vater. Er verpachtete sie an die umliegenden Hotels, deren Besitzer glücklich waren, ihren Gästen beinahe grenzenlos Sand und Wasser bieten zu können. Ich wollte auf dem freien Stück eine Hotel- und Appartementanlage der Sonderklasse errichten. Keine der üblichen Touristenschuppen, sondern ein luxuriöses Domizil. In den Verhandlungen glänzte ich durch phantastische Überzeugungskraft. So hatte ich mich noch nie erlebt. Die Geschäftsleute horchten fasziniert auf jedes meiner Worte und mochten kaum abwarten, ihr Geld auszugeben. In mir wuchs die Gewissheit, dass ich nun auf meine Weise ein kühnes Projekt verwirklichen sollte, das einst gescheitert war. Die Erinnerungen an meine Steinzeit verblassen zwar, nachdem ich vom Schutthaufen der Königsstadt auf einen Viermaster verladen wurde. Aber soviel weiß ich: Ich sollte als Baumaterial an eine ferne Küste segeln, wo man einen bedeutsamen Handelshafen errichten wollte. Warum der Plan fehlschlug, kann ich nur vermuten. Vielleicht blieb das Baumaterial ungenutzt an seinem Bestimmungsort liegen, weil das Geld ausging, zu viele Schiffe versenkt wurden oder einem neuen Herrscher die Idee nicht gefiel. Ich zittere am ganzen Körper, wenn ich mir vorstelle, dass mein Stein seit jener Zeit oberhalb meines Traumstrandes lag.  

Das einzige Problem war Maritas Vater. Ich wünschte, dass er uns das Gebiet überschrieb oder zumindest die Nutzung einräumte. Für den Alten ein Pappenstil. Bald hätte ich ihn fürstlich entschädigen können. Ich lud Marita und ihn in ein fürstliches Restaurant zum Dinner ein. Noch vor dem Dessert brachte ich mein Anliegen auf den Tisch. Das gröhlende Gelächter von Vati dem Großen hallt mir jetzt noch in den Ohren. Dann setzte er eine angeberisch ernste Miene auf und meinte, er werde nach schonenden Worten suchen, weil ich ja sein Schwiegersohn sei. Dass ich ihn enteignen wolle, fände er aber ziemlich unverfroren. Noch schlimmer sei, dass ich auf Maritas Erbe spekuliere - ihrer einzigen Sicherheit, da ich ihr ja nichts Vergleichbares bieten könne. Schließlich behauptete Maritas Vater, unter meiner Regie könne das Projekt nur im Fiasko enden.  

Meine Enttäuschung hielt sich in Grenzen - mein Hass auf Maritas Vater natürlich nicht. Ich vertraute nach wie vor auf die Kraft und die Eingebungen meines Steins. Um mich zu beraten,  begab ich mich  mit ihm eines Mittags zu dem Ort, wo ich ihn gefunden hatte. Es war ein regnerischer Tag. Plötzlich fiel mir der weit und breit einzige Mensch auf. Maritas Vater schritt den Strand ab. Prüfte er, ob er meine Idee selbst in die Tat umsetzen sollte? Er blickte eine Weile aufs Meer und lief dann geradewegs zur Steilküste. In meiner Nähe verlief ein Pfad zur Straße. Ich verbarg mich und wartete. Der Stein in meiner Hand schien zu glühen. Ich sah die großen Taten der Vergangenheit - die tollkühnen Siege, die gegen Feigheit und Schwäche errungen wurden. Ich sprang auf, den Stein in meiner Hand und sah Maritas Vater auf das Geröll klettern. Ich warf meinen Stein, ohne zu zielen, doch er traf ihn direkt am Kopf.  

Ich verharrte regungslos in meinem Versteck. Spaziergänger entdeckten die Leiche. Später kamen die Polizei und Marita. Ich hörte ihr lautes Wehklagen lauter als die Gischt. Der Tote wurde weggebracht. Würde Marita meine Pläne unterstützen? Doch, ich glaubte sie überreden zu können. Als die Dunkelheit hereinbrach und der Strand wieder menschenleer war, nahm ich meinen Stein und fuhr nach Hause. Marita war nicht da. Ich legte meinen Stein auf den Tisch in der Diele und  meine Jacke auf den Stuhl daneben. Steinschlag hatte es an der Küste schon öfter gegeben, sogar mit Verletzten. Lächelnd begab ich mich auf die Suche nach einem Bier.  

Aus der Küche hörte ich, wie die Wohnungstür geöffnet wurde. Ich eilte zurück. Marita stand in der Diele und blickte auf den Stein. Dann sah sie mich an, nahm ihn und schmetterte ihn gegen meine Brust. Ich verlor das Gleichgewicht, stürzte und rappelte mich wieder auf. Wie eine Furie ging sie auf mich los und mich packte die Sorge um meinen Stein. Sie hatte ihn angefasst und würde noch wer weiß was mit ihm tun! Ich hob ihn schnell auf raste die Kellertreppe hinunter und flüchtete in die alte Kohlenkammer. Als ich die Tür zugeschlagen hatte, konnte Marita uns nichts mehr anhaben.

Vielleicht war ihr mein Stein schon vor längerer Zeit aufgefallen und  ihr Blick auch am Strand auf ihn gefallen. Vielleicht hegte sie nur einen unklaren Verdacht gegen mich, den ich ihr hätte ausreden können. Es gab keine Beweise gegen mich, nichts. Trotzdem gab es ein Problem: Der Schlüssel für die Kohlenkammer steckte in der Tasche meines Jacketts, das ich oben über den Stuhl gelegt hatte. Alleine kam ich hier nicht mehr heraus. Nach einer Weile ergriff mich Panik in dem engen, stockdunklen Verlies. Ich schlug mit der Faust gegen die stählerne Tür und rief nach Marita. Die einzige Folge war, dass ich meinen keuchenden Atem noch lauter hörte als zuvor.  

Wenn ich jetzt das Feuerzeug einschalte, sehe ich kaum mehr als die Umrisse meines Steins. Ich habe das Gefühl, für die Flamme wird die Luft allmählich zu dünn. Keine Ahnung, was mir bevorsteht. Die Vorstellung, ein Stein zu werden, gefällt mir nicht.